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Netzhautscans bei psychischen Erkrankungen
Schizophrenie k?nnte ?ins Auge gehen“

Universit?t Ulm

Die Diagnose psychischer Erkrankungen wie Schizophrenie ist selbst für erfahrene Psychiater oft herausfordernd. Denn die Symptome k?nnen sehr vielf?ltig sein: Bei der Schizophrenie reichen sie von Halluzinationen und Wahnvorstellungen bis zur v?lligen Antriebslosigkeit, wie sie auch bei schweren Depressionen vorkommt. Die Suche nach biochemischen Markern im Blut oder Nervenwasser sowie nach Hinweisen durch bildgebende Verfahren, die eine Diagnose untermauern k?nnten, war bisher nicht erfolgreich. Doch nun haben Ulmer Neurologen und Psychiater Auff?lligkeiten an der Netzhaut im Auge von Schizophrenie-Patienten entdeckt. Im Fachjournal Schizophrenia Research gehen sie der Frage nach, ob eine Augenuntersuchung mit der Optischen Koh?renztomographie (OCT) einen Beitrag zur besseren Diagnostik bei psychischen Erkrankungen leisten kann.

Die Schizophrenie ist eine vielschichtige Erkrankung, die oft mit Realit?tsverlust durch Wahnvorstellungen und Halluzinationen sowie mit St?rungen des Denkens und der Sprache einhergeht. Neben diesen Hauptsymptomen berichten viele Patientinnen und Patienten über Probleme beim Sehen: Sie sehen zunehmend unscharf und haben Schwierigkeiten, Kontraste oder Bewegungen korrekt wahrzunehmen. Da sich die Netzhaut (Retina) und der optische Nerv aus dem Zwischenhirn entwickeln, wird das Auge zunehmend als ?Fenster zum Gehirn“ angesehen. Zudem ist eine Augenbeteiligung für andere Erkrankungen des zentralen Nervensystems schon lange bekannt. Beispiele reichen von der Multiplen Sklerose bis zur Alzheimer-Demenz und Morbus Parkinson – in diesen F?llen l?sst sich eine Netzhautbeteiligung mittels OCT zeigen.

Erstmals Einzelschichtanalyse der Netzhaut

Ob und inwiefern sich auch Ver?nderungen bei psychiatrischen Erkrankungen wie der Schizophrenie im Auge nachweisen lassen, haben Forscher um den Ulmer Psychiater Professor Carlos Sch?nfeldt-Lecuona und den Neurologen Professor Elmar Pinkhardt untersucht. Dafür nutzten die Wissenschaftler die Optische Koh?renztomographie, ein nichtinvasives und dreidimensionales Bildgebungsverfahren aus der Augenheilkunde, mit dem sich Dicke und Volumen der Netzhautschichten schnell, genau und nebenwirkungsfrei bestimmen l?sst.

Bei 26 Ulmer Patientinnen und Patienten mit einer Schizophrenie oder schizoaffektiven St?rungen wurden die Netzhautscans durchgeführt und mit einer gesunden Kontrollgruppe verglichen. ?Zum ersten Mal haben wir bei Schizophrenie-Patienten und einer in Alter und Geschlecht entsprechenden Kontrollgruppe eine hoch aufgel?ste Einzelschichtanalyse der Netzhaut durchgeführt. Um Ungenauigkeiten der Software auszuschlie?en, wurde die Segmentierung der Netzhautschichten zudem manuell korrigiert“, beschreibt Professor Carlos Sch?nfeldt-Lecuona von der Universit?tsklinik Ulm für Psychiatrie und Psychotherapie III das aufw?ndige Verfahren. Die Ergebnisse sind eindeutig: Bei Schizophrenie-Patienten zeigt die Untersuchung eine stark reduzierte Dicke und ein geringeres Volumen fast aller gemessener Netzhautschichten. Im Vergleich zu gesunden Probanden erreichen die Unterschiede eine statistische Signifikanz für Makulavolumen und -dicke sowie für die retinale Nervenfaserschicht und die innere K?rnerschicht. Dabei nimmt das Gesamtvolumen der Nervenfaserschicht mit l?ngerer Krankheitsdauer ab.

Ergebnisse passen zu MRT-Studien

Diese Ergebnisse passen zu volumetrischen Studien mittels Magnetresonanztomographie (MRT), wonach bei dieser Art von Erkrankungen teils eine neurodegenerative oder entzündliche Komponente angenommen wird:  Mehrere MRT-Meta-Analysen konnten bei Schizophrenie-Patienten bereits eine Verringerung des Hirnvolumens feststellen. Aufgrund der gekoppelten Entwicklung von Gehirn und Netzhaut sehen Forschende einen m?glichen Zusammenhang mit den aktuellen Ergebnissen: ?Gemeinsam mit den Studien, die eine MRT-Volumen?nderung zeigen, liefern unsere Erkenntnisse weitere Hinweise darauf, dass die Schizophrenie eine Verschm?lerung der Netzhautschichten verursacht, die mit OCT nachweisbar ist“, erkl?rt Professor Elmar Pinkhardt. Allerdings sind die zugrundeliegenden Mechanismen der strukturellen Netzhautver?nderungen noch nicht ausreichend verstanden.

Die Ergebnisse der Netzhautuntersuchung erm?glichen weitere Einblicke in die Entstehung der Schizophrenie und k?nnten eines Tages von diagnostischer Relevanz sein. ?Es ist durchaus denkbar, dass die OCT in Zukunft helfen k?nnte, beispielweise die verschiedenen Unterformen der Schizophrenie schneller zu identifizieren und sogar die Therapie individueller zu gestalten“, betonen die Wissenschaftler. Dazu seien jedoch weitere Untersuchungen n?tig.

Text und Medienkontakt: Annika Bingmann

Literaturhinweis:
Carlos Sch?nfeldt-Lecuona, Thomas Kregel, Arno Schmidt, Jan Kassubek, Jens Dreyhaupt, Roland W. Freudenmann, Bernhard J. Connemann, Maximilian Gahr, Elmar H. Pinkhardt: Retinal single-layer analysis with optical coherence tomography (OCT) in schizophrenia spectrum disorder. Schizophrenia Research. https://doi.org/10.1016/j.schres.2019.03.022

 
Oberarzt Prof. Carlos Sch?nfeldt-Lecuona (li.) forscht an der Universit?tsklinik Ulm für Psychiatrie und Psychiatrie III, Prof. Elmar Pinkhardt (re.) ist Forscher und gesch?ftsführender Oberarzt an der Universit?tsklinik für Neurologie (RKU)
Oberarzt Prof. Carlos Sch?nfeldt-Lecuona (li.) forscht an der Universit?tsklinik Ulm für Psychiatrie und Psychiatrie III, Prof. Elmar Pinkhardt (re.) ist Forscher und gesch?ftsführender Oberarzt an der Universit?tsklinik für Neurologie (RKU)
Makulascan mit aufeinanderfolgender Einzelschichtanalyse des rechten Auges (R). Oben: Roh-B-Scan der Makula. Mitte: Segmentierung bestimmter Netzhautschichten mit der Software Heidelberg Eye Explorer. Unten links: Kartierung der Schichtdicke; unten rechts: Messungen des durchschnittlichen Volumens und der Dicke der jeweiligen Netzhautschichten in Bezug auf das ETDRS-Gitter (Early Treatment Diabetic Retinopathy Study). Das ETDRS-Gitter wird von der OCT-Software als Muster zur Berechnung der Dicken- und Volumenmessungen für jeden Quadranten verwendet. (Abbildung: Uniklinik)